Montag, 11. Juni 2012

Liebknecht soll weichen

"Der Name des Städtischen Gymnasiums I sorgt in Frankfurt (Oder) für hitzige Diskussionen / Nun entscheidet das Stadtparlament

FRANKFURT (ODER) - Das traditionsreiche Städtische Gymnasium I in Frankfurt hat viele Beinamen. Wiecke-Gymnasium wird es umgangssprachlich genannt, weil es sich an der gleichnamigen Straße befindet. Europa- sowie Unesco-Projekt-Schule darf sich die Bildungseinrichtung als Auszeichnung für ihre vielen internationalen Kontakte nennen. Offiziell heißt die Schule allerdings seit 1949 Karl-Liebknecht-Oberschule beziehungsweise Karl-Liebknecht-Gymnasium. Daran hat sich bis vor einem Jahr offenbar auch niemand gestört.
Nach monatelangen Debatten will die Schulkonferenz den Namen des 1919 ermordeten Sozialistenführers nun loswerden. „Der Name einer Schule muss aus der Schule selbst kommen“, meint der kommissarische Schulleiter Torsten Kleefeld. Das sei hier nicht passiert, sagt er und verweist auf den angeblichen Druck der DDR-Partei- und Staatsführung bei der Namensgebung 1949. Angestoßen hatten ehemalige Schüler die Debatte. Bei den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Geburtstag des Gymnasiums im Vorjahr regten jene, die hier in den 1950er Jahren ihr Abitur gemacht hatten, an, den Namen zu überdenken. Tenor: Er sei nicht mehr zeitgemäß.
Daraufhin verteilte die Schulleitung Fragebögen an Schüler, Eltern und Lehrer. Die Resonanz war allerdings gering. Dabei blieb es jedoch nicht, als die Schulleitung auch ehemalige Schüler anschrieb. Liebknecht-Kritiker und Liebknecht-Verfechter bekämpfen sich seit dem verbal. Ein „ideologiefreier Schulbetrieb“ könne mit diesem Namen nicht gewährleistet werden, „DDR-Balast“ müsse entsorgt werden, meinen die einen. Sie nehmen den Namensstreit zum Anlass einer ideologischen Abrechnung mit der DDR. Die möglicherweise diktatorische Namensgebung dürfe nicht dem Namensgeber angelastet werden, sagen die anderen und werfen Liebknechts Verdienste im Kampf gegen Krieg und Völkermord in die Waagschale. Frankfurts früherer Stadtparlamentschef Jürgen Barber, der am Gymnasium jahrelang Kunst unterrichtet hatte, erinnert daran, dass die Abgeordneten sich Mitte der 1990er Jahre mehrheitlich für die Beibehaltung des Namens Karl Liebknecht ausgesprochen hatten.
Mehrfach war das Thema auch Diskussionspunkt im Frankfurter Rathaus – allerdings merklich leidenschaftsloser. Bildungsdezernent Jens-Marcel Ullricht (SPD) will dem Wunsch der Schule nach einem demokratischen Abstimmungsprozess nicht entgegenstehen, gebe es in der Bildungspolitik doch „ganz andere Probleme“. Eine spezielle Auseinandersetzung mit dem Thema fand der Kunstlehrer Wilfried Bellgardt vom Liebknecht-Gymnasium. Aus dem Depot des Beeskower Kunstarchivs lieh er sich Büsten einst namhafter sozialistischer Persönlichkeiten und legte sie in den Eingangsbereich der Schule.
„Vakante Köpfe“ nannte er seine Installation, um darauf zu verweisen, dass „Geschichte heute weggekehrt wird, mit der man sich auch auseinandersetzen könnte“. Dennoch: Die Schulkonferenz, also Schüler, Eltern und Lehrer, stimmte letztlich in geheimer Wahl gegen Karl Liebknecht. Nun müssen laut Brandenburgischem Schulgesetz am 14. Juni die Frankfurter Stadtverordneten entscheiden, ob das Gymnasium den ungeliebten Beinamen loswird. „Städtisches Gymnasium I, Europaschule“ will sich die Bildungseinrichtung künftig nennen.
Die SPD mit elf und CDU mit zehn Abgeordneten haben bereits ihr Einverständnis signalisiert, dass der Name Liebknecht getilgt werde. Ganz anders sieht das die 19 Mitglieder zählende Fraktion der Linken. „Politisch motivierte Geschichtsglättung“, die von außen in die Schule getragen worden sei, kritisiert Linken-Kreischef René Wilke. Liebknecht habe für Frieden und soziale Gerechtigkeit gekämpft. „Was daran nicht mehr zeitgemäß ist, erschließt sich mir nicht“, sagt er. Das Zünglein an der Wage dürften die sechs Vertreter anderer Parteien im Stadtparlament sein.
Das Hauptproblem sei, dass viele heutige Schüler mit dem Namen Karl Liebknecht nichts mehr anfangen können, glaubt die Fraktionschefin der Linken, Sandra Seifert. „Da müssen sich die Lehrer dort fragen, warum das so ist“, sagt die gebürtige Frankfurterin, die selbst im Liebknecht-Gymnasium Abitur gemacht hat. (Von Jeanette Bederke)"
Quelle MAZ vom 12.6.12

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