Mittwoch, 20. Juni 2012

60 Jahre, eine neue Frisur und ein roter Umschlag

"BERLIN - Mittagszeit im Axel-Springer-Verlag in der Berliner Rudi-Dutschke-Straße: Mittelalte Männer im Sakko mit zurückgegelten Haaren machen sich auf den Weg in die Kantine, einer nach dem anderen ein Abbild ihres Chefs. Kai Diekmann scheint stilprägend zu sein bei den Redakteuren der „Bild“. Spannend wird nur, ob das so bleibt. Denn Diekmann hat sich eine neue Frisur verpasst. Die Haare sind jetzt kurz, und in Interviews stellt er klar: „Ich habe noch nie Gel benutzt!“
Womit der 47-Jährige dann sein Haupt zum Glänzen brachte, sagt er nicht. Und auch nicht, ob er nach mehr als zehn Jahren an der Spitze von Deutschlands größter Boulevardzeitung keine Lust mehr hat auf die Dauerpräsenz im Berliner Medienzirkus – oder warum er sonst seine „Bild“ kurz nach deren 60. Geburtstag verlässt und mit seinen beiden Mitstreitern Peter Würtenberger und Martin Sinner in eine Axel-Springer-Männer-WG nach Kalifornien zieht. Ab September werden sich die drei im Silicon Valley Gedanken um die „Zukunftsfähigkeit des Journalismus in Zeiten des digitalen Wandels“ machen. Diekmann aber betont, dass er „Bild“-Chefredakteur bleibe und die USA-Reise nicht nur einfach eine Kreativpause sei.
In ihrem 60. Jahr verkauft die „Bild“ täglich 2,7 Millionen Exemplare, zu Diekmanns Amtsantritt 2001 waren es noch vier Millionen. Doch die „Bild“-Gruppe ist hochprofitabel, nicht zuletzt, weil das Geschäftsmodell durch die vielen „Volks“-Produkte von Bibel bis Cola den Journalismus zumindest zum Teil hinter sich gelassen hat.
„Journalismus ist kein Beliebtheitswettbewerb“ und „Wer austeilt, muss auch einstecken können“, das sind zwei Diekmann-Sätze, mit denen der „Bild“-Chef in Interviews jede Kritik an seinem Blatt herunterzuspielen versucht. Auch den Eklat bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises, als Hans Leyendecker und seine Kollegen von der „Süddeutschen Zeitung“ den Preis verweigerten, weil ihn erstmals auch die „Bild“ erhielt – für ihre Berichterstattung in der Causa Christian Wulff. Vom schmutzigen Kampagnenblatt zum investigativen Leitmedium, so hätte es Diekmann gerne gesehen. Das hätte der Strategie des „guten Boulevards“ – mit politischen Exklusivgeschichten und ohne Seite-1-Mädchen – die Krone aufgesetzt.
Gelungen ist ihm das nur halb. Die „Bild“ bleibt auch nach 60 Jahren umstritten. Biermann, Böll, Wallraff – den Kampf der west-linken Säulenheiligen gegen die Springer-Presse, die Furcht vor der im Zweifel menschenverachtenden Kampagnenfähigkeit des Boulevards gehören zum ideologischen Grundgerüst vieler Medienkritiker.
Zum Geburtstag demonstriert „Bild“ erneut seine Macht und verschenkt sich ans Volk. „Bild für alle“ heißt die Kampagne, 41 Millionen Exemplare einer vorproduzierten Jubel-Ausgabe werden am Sonnabend von der Deutschen Post an alle Haushalte verteilt. Die Gewerkschaft Verdi sträubt sich nicht gegen die Aktion, schließlich sichere sie Arbeitsplätze bei der Post. 220 000 Deutsche hingegen haben Diekmanns Geschenk bereits verweigert, sie bekommen statt des Jubiläums-Exemplars einen roten Umschlag zugestellt, damit der Briefträger gleich erkennen kann, wem er keine Ausgabe geben darf. Ob dieser Signal-Brief leer ist oder ein ironisches Diekmann-Schreiben an alle Verweigerer enthält, ist nicht bekannt. Zuzutrauen wäre es Diekmann. (Von Jan Sternberg)"
Quelle MAZ vom 21.6.12

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