Dienstag, 29. Mai 2012

Der Besucher, der "mit Grass seit über 20 Jahren Schwierigkeiten" hat

"Berührender Besuch Joachim Gaucks in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem

JERUSALEM - Damit hat niemand gerechnet. Nicht an diesem Ort, wo an das von Deutschen entfachte Vernichtungswerk erinnert wird. Als Joachim Gauck sich langsam in Richtung der düsteren Kranz- und Gebetshalle in Yad Vashem bewegt, beginnen plötzlich zwei Dutzend Israelis und US-Amerikaner freundlich zu klatschen. Sie haben sich erkundigt, wer der seriöse ältere Herr mit großem Gefolge ist. Der deutsche Bundespräsident.
Morgens haben sie noch in der linksliberalen Zeitung „Haaretz“ von diesem Mr. Gauck lesen können, der quasi ein deutscher Nelson Mandela sei. Das ist der Entourage des Staatsoberhauptes zwar fast peinlich, aber es setzt sich fest: So war Gauck schon vor wenigen Tagen in den Niederlanden begrüßt worden, als er eine Rede zur Befreiung hielt.
„Der große Mann des Liberalismus“ und „der Vertreter der Freiheit“ – so lobt Staatspräsident Shimon Peres seinen Gast. Zwei, drei Leute auf der Empore rufen „Bravo“. Dieter Graumann, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, begleitet Gauck auf dessen ausdrücklichen Wunsch. Sie waren zum Besuchsauftakt allein am Grab des verstorbenen Zentralratsvorsitzenden Ignatz Bubis. „Eine Minute standen wir am Grab, und der Präsident hat meine Hand gehalten“, erzählt Graumann.
Versonnen blickt er erst zu den Besuchern, dann zu dem vor ihm gehenden Gauck. „Es hat sich eben doch etwas geändert im Verhältnis zwischen Deutschland und Israel“, sagt Graumann. Niemand spricht über ein verrücktes, klitterndes Werk, das Günter Grass „mit letzter Tinte“ geschrieben hat. Mit Grass habe er seit über 20 Jahren Schwierigkeiten, sagt der Bundespräsident am Rande. Die umstrittenen Äußerungen des Literaturnobelpreisträgers seien dessen persönliche Meinung.
Beim Empfang mit militärischen Ehren schreitet Gauck an der Seite des 88 Jahre alten Peres, als hätte er Zeit seines Lebens nichts anderes gemacht. Erstaunlich wenig erinnert an die Einmaligkeit der Beziehungen zwischen Israelis und Deutschen.
Beinah schüchtern bahnt sich Graumann den Weg durch die Gänge Yad Vashems. Bei früheren Staatsvisiten schritt der Zentralratsvorsitzende Seite an Seite mit dem deutschen Staatsgast. Manchmal demonstrativ vor ihm, um die gefühlte oder tatsächliche Sperre abzumildern, wenn sich Besucher plötzlich mit dem deutschen Pulk, einer Bundeswehruniform, mit der Sprache der Täter konfrontiert sahen.
Heute eilt Gauck voraus, nachdenklich, faktenkundig. Auch er war einmal Archivar einer diktatorischen Hinterlassenschaft. Vor acht Jahren besuchte er die Gedenkstätte privat. Damals gab es noch das alte Museumskonzept.
Zu DDR-Zeiten, so bekennt der Präsident, wäre er „auf Knien nach Israel gerutscht“, wenn es gegangen wäre. Jetzt schildert ihm Noa Mkayton die israelische Form der Aufarbeitung. Die gebürtige Münchnerin begleitet seit zwölf Jahren den Archiv- und Dokumentationsprozess. In dieser Materie kennt sich der Ex-Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde aus.
Gauck fragt, wieso wohl im Nachkriegsdeutschland „die vielen Geschichten der Hilfe nicht erzählt worden sind“. Die Antwort kennen beide: Wenn mehr Eltern von den Helfern berichtet hätten, wäre den meisten die Frage ihrer Kinder nicht erspart geblieben: „Wieso habt ihr denn nicht geholfen?“ Dann doch lieber die Anonymität der Kollektivschuld.
Namen wie Joop und Willy Westerweel, Isaak Gaymend oder Mosche Zafty begegnen Joachim Gauck in dieser Geschichtsstunde. Hier auf einem der zentralen Hügel von Jerusalem bekommt das Unbegreifliche ein Gesicht, einen Namen. Die Steuerkarte von Oleg, die dieser als letztes Utensil festhielt, ehe es in die Gaskammer ging. Heute, so sagen es israelische Friedensaktivisten, stellten die ermordeten Juden das Kapital für die Regierung mit ihrer Siedlungspolitik dar. Der Holocaust sei Teil der Kritikabwehr.
Gauck versäumt keine Gelegenheit, um die immer gültige Solidarität Deutschlands mit Israel zu betonen: „Unsere beiden Länder haben nach Shoah und Krieg gemeinsam Historisches geschaffen: nicht für möglich gehaltene Versöhnung und Verständigung“, sagt er. „Das Eintreten für die Sicherheit und das Existenzrecht Israels ist für deutsche Politik bestimmend.“ Sieben Minuten benötigt der Bundespräsident für den handschriftlichen Eintrag in das Gästebuch von Yad Vashem. Nach der Flut der Gefühle komme der Gedanke an das Wiederkommen, schreibt er: „So wirst du dann hier stehen und dein Gefühl, dein Verstand und dein Gewissen werden dir sagen: Vergiss nicht! Niemals! Und stehe zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften. Joachim Gauck.“ (Von Dieter Wonka)"
Quelle MAZ vom 30.5.12

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